Erzbischöfliche St.-Anna-Schule

Wuppertal - mein Zuhause - mein Fluch

von Charlotte Rose (Q2, Abi 2015)

 

Ich lebe in einer Stadt, die ebenso wenig glanzvoll wie vermögend ist. In einer Stadt, in der der andauernde Regen, mit dem meine Mitmenschen und ich mittlerweile auf du und du sind, die Stadt nicht vom Dreck, sondern von der Farbe rein gewaschen hat, die sie auf alten Schwarz-Weiß-Fotos mal gehabt hat. Natürlich gibt es auch schöne Ecken, doch die kann man an einer Hand abzählen und sie werden auch nur von Rentnern bewohnt, die nie etwas anderes als dieses Loch gesehen haben, und von den Neureichen, die hier irgendwie festsitzen.
Der Rest, ob nun die Wohnviertel oder die gespaltene Innenstadt, ist von einer allumfassenden Tristesse und Langeweile beseelt, dass man es sich zweimal überlegt, bevor man zum Regenschirm greift und einen Fuß vor die Tür setzt. Ein grauer und auf unverkennbare Art und Weise einheitlicher Stadtdschungel, der von Waldstücken umgeben und durchzogen ist, und trotzdem eher eine Vergangenheit ist als eine Zukunft.
Diese Stadt ist meine Heimat. Sie ist wie jede andere, größere Stadt. Man muss Optimist oder betrunken sein, um sie von ganzem Herzen zu lieben. Man muss über Dreck, Enge und Kriminalität hinwegsehen, um sie zu ertragen. Am besten geht das durch den Rückspiegel eines Autos oder durch das Fenster eines fahrenden Zuges.
Ich traue dieser Stadt viel zu. Das Wenigste davon ist positiv. Ich traue ihr zu, dass sie schon Leute vernichtet hat. Dass sie schon Menschen getötet oder verletzt hat. Dass sie Arme beraubt und bösartige Gestalten bereichert hat. Dass sie hilflose Frauen vergewaltigt und Kinder zu Waisen gemacht hat. Und noch viel mehr.
Der Regen ist wie die Tränen, die in dieser Stadt, auf diesem Fleck Land vergossen wurden, doch nur dieser Regen ist es, der diese Stadt auch zum Glitzern bringen kann. Der den Dreck fort trägt, sodass man vielleicht etwas Schönes finden kann.
Denn auch wenn es sich niemand so wirklich eingestehen will, es gibt sie. Diese Tage, an denen alles stimmt, alles zusammen passt und man am Ende einfach zufrieden mit sich selbst ist. Es gibt sie doch, man kehrt sie nur allzu oft einfach unter den Teppich, weil es mittlerweile zum guten Ton gehört, sich zu beschweren und anderen sein Leid zu klagen. Es gibt diese Tage – auch in Wuppertal.
Sie sind wie der Glückscent, den man auf einer öffentlichen Toilette findet. Man weiß nicht genau, wie man mit ihnen umgehen soll. Ob man sich nun freut oder eher skeptisch ist. Ob man an sein kurzfristiges Glück denkt, das die kleine Münze bedeutet, oder lieber an die Keime und den Dreck, die daran kleben könnten.
Manchmal wollen wir ein Optimist sein. Den Glückscent aufheben. Ja, Wuppertal schenkt genauso bereitwillig Glück wie jeder andere gottverdammte Ort auch, aber diese Stadt fordert jedes bisschen davon doppelt und dreifach zurück, bis nichts mehr da ist. Das vergisst man manchmal. Karma funktioniert hier anders. Zumindest scheint es manchmal so. Diese Stadt ist auf ihre Weise, die weit über das Klimatische hinausgeht, kalt und unangenehm.
Die meisten wollen dieser Stadt den Rücken kehren. Wuppertal zu ihrer Vergangenheit machen, aber es bleibt alles beim Alten.
Wuppertal ist ihre Zukunft. Mit Glück und Keimen und allem was dazu gehört.
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